„Um die Gegenwart verstehen zu können, ist es wichtig, in die Geschichte zu schauen“

Der Reuterkiez hat sich in wenigen Jahren so rasant verjüngt, dass es vielen alteingesessenen Bewohner_innen so vorkommen muss, als seien sie in eine ganz neue Gegend gezogen.
Das Viertel rund um den Reuterplatz wird oft als „bunt“ beschrieben. Tragen aber auch die Senior_innen, die immerhin ca. 8 % des Bevölkerungsanteils stellen, zu diesem bunten Erscheinungsbild bei oder werden sie eher übersehen?

Wir haben nachgefragt bei Ursula Bach, Diplom-Politologin und Projektleiterin des Interkulturellen Seniorenprojekts hier im Reuterkiez.

Ursula Bach beschäftigt sich seit knapp 30 Jahren mit zeitgeschichtlichen Projekten in Mikrokosmen. Der Kosmos, den sie am intensivsten studiert und erforscht hat, ist zweifellos die Gegend rund um den Reuterplatz. Hier hat sie seit 1989 mehrere Projekte zur Geschichte, unter anderem mit Zeitzeugen und deren persönlichen Geschichten durchgeführt. So fühlt sie sich dem Kiez auch stark zugehörig, obwohl sie auf der anderen Seite des Landwehrkanals wohnt. Beim Gespräch mit ihr beginnt man zu erahnen, welche identitätsstiftende Kraft die Geschichten der Kiezbewohner_innen haben – und wie gut es ist, dass sich jemand mit Interesse und Sachverstand diesen Erzählungen annimmt, sie zeitgeschichtlich einordnet und einem Publikum öffnet.

„Mir ist es wichtig, geschichtliches Wissen zu sichern“ sagt Ursula Bach auf die Frage nach der Motivation für ihre Arbeit. Das hat sie beispielsweise auch mit dem Geschichtsgesprächskreis an der VHS Neukölln, der immerhin zehn Jahre lang aktiv war, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Im Rahmen ihres hiesigen Seniorenprojekts bietet sie Spaziergänge durch den Kiez an, organisiert gemeinsame Aktivitäten mit Kindern, Ausflüge zu interessanten Orten in Berlin, publiziert Broschüren mit Erinnerungen der Senior_innen an den Wandel des Reuterkiezes und hat bei alldem vor allem das Ziel, älteren Menschen aus dem Viertel bessere Teilhabechancen zu eröffnen.

„Bei der Seniorenarbeit, die ich mache, ist der Freizeit-, Kultur-, und Bildungsaspekt eindeutig im Vordergrund“ so Ursula Bach. „Ich will die Menschen aktivieren und sie zum Gestalten und Einmischen anregen“. Dieser Anspruch der Interessensvertretung für Ältere ist auch bei ihrem neuesten Projekt, der Ausstellung „Der Reuterkiez aus der Sicht älterer Menschen“, deutlich spürbar. 25 Senior_innen aus dem Viertel haben sich daran beteiligt, das Wohnumfeld und die Qualität des öffentlichen Raumes zu reflektieren und zu bewerten. Dabei kam klar heraus, dass zumindest innerhalb der Gruppe der Teilnehmenden die Vielfalt und das Treiben im Kiez durchaus geschätzt wird. Viele der Älteren gehen gern auch in die angesagten Cafés oder genießen die wachsenden kulturellen Angebote. Schwierig wird es allerdings da, wo die feine Balance des Miteinanders aus den Fugen gerät: wenn die Außenbestuhlung von Cafés plötzlich bis zur Bordsteinkante ausufert und man am Vorbeigehen gehindert wird, wenn fröhliche Stimmen und Musik aus den Bars im Lauf der Nacht zu einem schlafraubenden Dröhnen anschwellen oder wenn man aufgrund fehlender Radwege ständig Gefahr läuft, von einem auf dem Gehweg vorbeirasenden Fahrrad erfasst zu werden.

Das Interessante an der Ausstellung ist unter anderem ihr konstruktiver Ansatz. Für alle Aspekte, die von den Teilnehmenden als problematisch eingestuft wurden, gibt es konkrete Lösungsideen. „Wir sind für viele der genannten Themen mit Initiativen oder Personen in Kontakt, die uns konkret bei der Erarbeitung von Lösungen unterstützen. Einiges wollen wir in Zusammenarbeit mit der AG Wohnumfeld aus dem Reuterkiez umsetzen“ erzählt Ursula Bach. Ihr geht es dabei nicht um eine einseitige Durchsetzung von Interessen, sondern um ein gemeinsames Gestalten mit allen Bewohner_innen. Dabei ist die Leitfrage: In was für einer Welt wollen wir zusammen leben?

Auf die Frage, was ihr größter Traum in Bezug auf ihre Arbeit sei, denkt Ursula Bach kurz nach und schildert dann ihre Vision eines offenen Hauses, in dem sich Menschen aus allen Kulturen und über Generationen hinweg begegnen und miteinander sein können. Wie können Kiezbewohner_innen dieses wichtige Engagement unterstützen? „Vor allem: Weitererzählen, Menschen einladen, das Wissen und die Erzählungen der Älteren auch an die Orte der Jüngeren bringen und Möglichkeiten zum Austausch schaffen“.

Wen sollen wir als nächstes interviewen? Wer inspiriert und motiviert Ursula Bach bei ihrer täglichen Arbeit? Sofort hat sie einen Tipp für uns: „Der Kiosk am Reuterplatz. Das Team dort macht eine sehr engagierte Arbeit und der Ort an sich ist auch wichtig für meine beruflichen Aktivitäten“.

Alle, die sich die Ausstellung „Der Reuterkiez aus der Sicht älterer Menschen“ anschauen wollen, haben noch bis zum 14. Januar die Möglichkeit dazu. Jeweils Mo, Mi und Do in der Zeit von 10 bis 17 Uhr im Büro des QM Reuterplatz in der Hobrechtstr. 59. Öffnungszeiten: Mo., Mi. und Do. 10 – 17 Uhr (vom 24.12.2015 bis 3.1.2016 ist das Büro geschlossen).

Kontakt Ursula Bach: 030- 6119611 oder ursula-e-bach@gmx.de

Fotorechte: Friedhelm Hoffmann,
Ursula Bach im Gespräch beim Kiezspaziergang am 23.6.2015